Meine alevitische Identität

Ich wurde im Jahr 1979 im beschaulichen Nordhessen als Sohn einer Schneiderin und eines Bergmannes geboren. Als ich 9 Jahre alt war, verunglückte mein Vater in einem der tragischsten Grubenunglücke der deutschen Bergbaugeschichte tödlich. Daraufhin verschlug es uns nach Istanbul. Dort erfuhr ich im Alter von 11 Jahren von meiner alevitischen Identität. Mein Religionslehrer erzählte der Klasse von den unreinen Aleviten. Die würden sich nicht waschen.

 

Als ich das meiner Mutter erzählte schaute sie mich entsetzt an und sagte: „Junge wird sind Aleviten!“. Der Lehrer wurde nach der Beschwerde meiner Mutter in eine andere Schule versetzt. Aber meine alevitische Identität ließ mich nie wieder los. Leider konnte mir meine Mutter nichts über das Alevilik erzählen.

Meine Eltern sind wie viele dieser Generation in Istanbul in religiöser Neutralität aufgewachsen. Mein Vater wäre in Istanbul geboren, wäre meine hochschwangere Oma in Istanbul geblieben. Sie war sauer 

auf meinen Opa und ist ins Dorf gegangen. Dort hat sie meinen Vater auf die Welt gebracht. Meine Onkel und Tanten sind alle in Istanbul auf die Welt gekommen. Dementsprechend gab es für sie kein alevitisches Leben in Istanbul. Keine religiöse Praktik, keine Gottesdienste, keine Bildungsmöglichkeiten. Meine Mutter lebte bis zu ihrem 6. Lebensjahr im Dorf und ist in diesem Sinne auch ein Istanbul-Kind. Daher habe ich nie wirklich etwas beigebracht bekommen.

Wir kehrten 1993 wieder zurück nach Deutschland. Und dort kaufte ich mir im Alter von 17 Jahren, bei einer Lesung mein erstes Buch über das Alevilik.

Meine Türkischkenntnisse reichten allerdings nur zum oberflächlichen Verständnis der ersten Kapitel. So begann ich nach einem einfachen und vor allem auf Deutsch geschriebenen Buch zu suchen. Im Zuge dieser Suche häufte ich türkisch- wie auch deutschsprachige Bücher an. Mit der Verbreitung des Internets begann ich ab dem Jahr 2000 fleißig in Foren zu schreiben und zu diskutieren. Die Diskussionen zum Alevitentum damals haben sich inhaltlich nicht viel geändert. Es sind immer noch dieselben grundlegenden Themen und dieselben Mythen rund um das Alevitum, die sich hartnäckig halten.

Im Jahre 2008 konnte ich auf eine beachtliche Anzahl von Büchern, Dokumenten und eigenen Beobachtungen zurückblicken. Im selben Jahr ermutigte mich Serdar Akin, einen Vortrag für alevitische Jugendliche zu halten. Mein erster Vortrag zum Alevitentum mit dem Titel: Wer sind Wir?

Stets war mir eine einfache und auf das Wesentliche beschränkte Wissensvermittlung auf Deutsch sehr wichtig. Auf das Seminarkonzept mit dem Titel: „Wer Sind Wir?“ aufbauend, habe ich zahlreiche Vorträge und Seminare durchgeführt. Im Zuge dessen, veröffentlichte ich dann Ende 2008 das Buch „Das Alevîtische Manifest“. Es sollte eine Art Handbuch für junge Aleviten werden. Das Buch war eine Art grobe Richtschnur und kritisches Handbuch und erhob keinen Anspruch auf wissenschaftliche Gültigkeit oder Deutungshoheit des Alevitums.

Mir fehlten damals sowieso noch einige Kenntnisse und Fertigkeiten, die es mir ermöglichten, auf wissenschaftlichem Niveau zu arbeiten und zu schreiben. Meinen Abschluss in Sozialwissenschaften machte ich erst im Jahr 2015. Das Thema meiner Abschlussarbeit war, die Sozialstruktur der Aleviten im Zuge der Migration. Ich erreichte 14 von 15 Punkten. Wichtiges Rüstzeug wie Methodologie und Wissenschaftstheorie verfestigten sich. Zwischenzeitlich baute ich mir ein enormes elektronisches Archiv auf.

Zum Thema Alevitentum: 3.268 Bücher, Essays, Bilder, Abschlussarbeiten und sonstige Dokumente.

Zum Thema Islam / Islamwissenschaften inclusive Sufismus 2.767 Bücher, Essays und Abschlussarbeiten. 

Osmanische und Arabische Handschriften zum Themenbereich Sufi, Alevi, Bektaschi: 4.331 Dateien. 

Obwohl ich in keinem Verein in keiner Organisation Mitglied war, habe ich bundesweit in zahlreichen Vereinen Vorträge gehalten und Seminare / Workshops durchgeführt.

Siehe hier: http://leventmete.de/biographie/seminare-und-vortraege-zum-alevitentum-2008-2017

In dieser Zeit konnte ich mir einen sehr guten Überblick über die Situationen, Strukturen und Bedürfnisse in den Vereinen verschaffen. Sehr engagiert und besonders sensibel zum Thema Glauben waren hierbei die Frauen mittleren und höheren Altes. Die junge Generation konnte bestimmte Grundprobleme nicht klar artikulieren aber das Grundproblem war stets die Unsicherheit bezüglich Glaube, Zugehörigkeit und die verschiedenen Meinungen innerhalb der Community. Diese hat sich im Zuge der sozialen Netzwerke nicht nur extrem verstärkt. Ich könnte mittlerweile behaupten, dass das Alevitentum im Internet kaputt argumentiert und debattiert wurde. Daher war für mich der einzige Weg der wissenschaftliche Sachverstand.

Im Jahr 2014 war ich Mitglied einer Gründungskommission, die im Auftrag der AABF die Grundstrukturen einer möglichen alevitischen Akademikervereinigung (Avrupa Alevi Akademisyenler Birligi) erarbeiten sollte. Wir waren 16 Personen und jeder wies besondere Expertisen auf. Wir arbeiteten 1 Jahr an der Struktur und erarbeiteten eine Satzung, die wir in Paris dem Vorstand der AABK vorstellten. Nach Abschluss der Arbeiten löste sich die Kommission auf und ich konnte aufgrund privater Gründe nicht weiter daran arbeiten. Ich blieb weiterhin am Ball und versuchte wissenschaftlich voranzukommen. 2015 bekam ich die Chance an der PH Weingarten mein Thema für eine mögliche Doktorarbeit vorzustellen. Dies sollte ein Ausnahmefall werden, da ich lediglich ein Bachelorabschluss vorzuweisen hatte. Ich stellte dem Kommitte mein Thema vor. Es ging um Jenseits, Todes- und Gottesvorstellungen im Alevitum. Eines der bisher unangetasteten Themenbereiche. Trotz Bemühungen seitens PD Dr. Hüseyin Aguicenoglu war mein Notendurchschnitt nicht gut genug, um als Doktorand akzeptiert werden zu können.