ab 9 bis heute

Am Mittwoch, den 01.06.1988 implodierte ich. Mein Vater hatte am Unglückstag Geburtstag und wollte unbedingt am Wochenende Fußball spielen. Daher tauschte er die Schicht, um an seinem Geburtstag in die Grube zu fahren. Nach der Schule gingen wir mit meiner Mutter Geschenke für meinen Vater kaufen. Dann heulten die Sirenen. Wir fuhren aufs Gelände. Meine Mutter völlig verstört. Ich lief auf dem Gelände umher. Ganz allein. Stundenlang. An das Foto unten erinnere ich mich nicht mehr. Aber mein Gesichtsausdruck erinnert mich immer an die Verzweiflung und Ohnmacht, auf das Offensichtliche zu warten!

Einzelkind. 30 jährige Mutter. Ohne Selbstbewusstsein aber mit Essstörung. Bis wir im Jahr 1989 nach Istanbul auswanderten aß ich täglich heimlich ein Potteis. Das waren 500ml Eis. Innen Schoko, dann ein Erdbeer-Ring und ganz außen Vanille. Istanbul war eine völlig neue Welt für mich.

Ab 1988 Lieblingsbeschäftigung: Fressen und Fernsehen.

Mein Vater versprach mir, einen Computer zu kaufen. Das Versprechen musste meine Mutter dann für ihn einlösen. Ein Commodore C64.

 

Als Schüler in der Türkei.

Ein Urlaub auf der türkischen Insel Büyükada. Um auf andere Gedanken zu kommen.

Im Jahr 1993 kamen wir zurück. Wieder in den Schwalm Eder Kreis

nach Bad Zwesten. Dort verbrachte ich meine Jugend und machte Abitur. 1998 und 1999.

Foto fürs Abi-Album 1999

Der Traum, ein

Berufsrapper zu werden kostete mich unter anderem ein Jahr Wiederholung und eine Zwangsversetzung beim Zivildienst. Angeblich wäre ich nicht für den Pflegedienst geeignet und die Patienten hätten Angst vor mir. Ein weiteres Päckchen, was ich immer noch mit mir herumtrage. Die Gangsterfresse. Selbst mit Hornbrille, Timberlands, Pullunder und Seitenscheitel wäre ich wahrscheinlich immer noch angeeckt. Mit Ecken und Kanten eckt man eben an. Die Gangstervisage kommt on Top.

Anpassung und Regeln kotzten mich an. Mein Ego wuchs mit jedem Text, den ich im Unterricht, beim Zivildienst in der Klinik schrieb. Eigenermächtigung, Selbstkontrolle, starke Persönlichkeit, Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. All das versuchte ich mir durch das Rappen zu holen. Stück für Stück.

 

 

Dann schrieb ich mich zum Wintersemester 2000 an der Uni Frankfurt ein. Diplom Informatik für gute Arbeit, gutes Geld. Eine neue Welt öffnete sich mir. Ich lebte jetzt in der Megastadt FFM. Internet Standleitung und 10qm Wohnheim.

Studentenwohnheim in FFM. Wohnen auf 10 qm.

Anfang 2. Semester wechselte ich dann zum Fach Soziologie auf Diplom.  Studierte bis zum Verfassen der Diplomarbeit. Zwischenzeitlich hatte ich auch einen Weggefährten, mit dem ich ein Tonstudio in Offenbach hatte. Nach und nach verblassten allerdings meine Träume vom Berufsmusiker und Produzenten. Nichts schien zu laufen. Studio mussten wir aufgeben. Kein Geld. Studium verhauen, weil zweimal mit 5 benotete Diplomarbeit. Ich zog mich zurück nach Bad Zwesten. Die Stadt Frankfurt hätte mich gnadenlos aufgefressen. 2007, nach 2 Jahren vergeblichem Widerspruch gegen die Benotung meiner Diplomarbeit, verschlug es mich an den Flughafen Frankfurt. Eine Welt für sich und wie ich später sah, im Bereich Service ein Tummelplatz für beruflich Gescheiterte. Ich mietete mich in eine 1,5 Zimmer Wohnung an der Konstablerwache ein und versuchte mich mit dem Flughafenjob über Wasser zu halten. Teilzeit-Flex Vertrag mit 30 Stunden monatlicher Garantie. Ohne Ausbildung, ohne Abschluss. Mehr kann man nicht rausholen. Ich arbeitete am Flughafen mal 100, mal 130 Stunden im Monat und konnte mich über Wasser halten. Von einem Monat auf den anderen wurden dann meine Stunden auf die vertraglich zugesicherten 30 Stunden runtergedrosselt. Dann stand ich da, am Existenzminimum.  

Ich habe all möglichen Jobs gemacht und war mir für fast nichts zu schade. 

2009 lernte ich meine Frau kennen und wir heirateten 2010. Im selben Jahr schrieb ich mich an der Uni Marburg wieder ein und ließ meine alten Scheine anerkennen. Erneut bewarb ich mich am Flughafen und wurde 2011 Lufthanseat in der Gepäckermittlung. Dass Pendeln zur Uni dauerte von Mainz nach Marburg insgesamt 6 Stunden. Die Arbeit am Flughafen war Teilzeit. 2012 kam meine Tochter auf die Welt. Ende desselben Jahres brachte ich mein erstes Buch mit dem Titel: „Das Alevitische Manifest“ im Eigenverlag raus. Innerhalb von 6 Monaten waren 500 Stück weg. Nach 2 Jahren und einer Verlängerung meines Arbeitsvertrages wurde mein Arbeitsvertrag als einziger meiner Lehrgangsgruppe nicht verlängert. Ich war der einzige, den sie nicht weiterhin beschäftigen wollten. Im Nachhinein danke ich Gott und den Verantwortlichen dafür. Ihr habt Benzin in mein Feuer gegossen. 2015 schaffte ich dann auch meinen Abschluss in Sozialwissenschaften. Trotz allen Hürden.